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Mobbing unter Kindern und Jugendlichen

Definition von Mobbing

In der englischsprachigen u. in der wissenschaftlichen Literatur: Bullying

Darunter soll in Anlehnung an den Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der diesen Begriff geprägt hat, die Ausgrenzung, die Aggression, die Isolation eines Einzelnen durch mehrere bezeichnet werden, die über einen längeren Zeitraum anhält – also z.B. nicht die kurzzeitige Ablehnung eines Gruppenmitgliedes und auch nicht der Konflikt zwischen zwei Schülern. Erst wenn mehrere ständig und lange gegen einen Einzelnen gehen, ihn körperlich oder auch nur psychisch angreifen, ihn hänseln, ihm Streiche spielen, ihn ausschließen, erst dann soll von Mobbing gesprochen werden.

Von Mobbing ist zu sprechen, wenn es

- über einen längeren Zeitraum geht und

- durch Lächerlichmachen, Hänseln, Streiche-Spielen, Isolieren, Intrigen,

  verbale und körperliche Angriffe geschieht und

- immer gegen die gleiche Person gerichtet ist.

Damit wird die Grundlage für Mobbing am Arbeitsplatz oder Diskriminierung in der Gesellschaft gelegt, deren frühe Wurzeln in der Schulzeit (bisweilen sogar schon im Kindergarten) kaum jemandem bekannt sind.

Abweichend von der Definition Leymanns (Heinz Leymann, Mobbing. rororo), der diesen Begriff für Verhalten in der Arbeitswelt eingeführt hat, wollen wir die fortgesetzten Demütigen eines Einzelnen in einer Machtposition, zum Beispiel als Vorgesetzter, gegen einen Unterlegenen n i c h t auf die Schule übertragen, sondern nur das Gruppenverhalten in den Blick nehmen und durch Verbesserung des Sozialverhaltens zum Gegenstand unserer pädagogischen Maßnahmen machen. Konflikte zwischen zwei Schülern sind sehr gut der Mediation zugänglich. Wenn eine Lehrkraft ein Kind oder einen Jugendlichen verletzend behandelt, ist auf die Möglichkeiten der Schulgesetze (z. B. dienstliche Pflichtverletzungen von Pädagogen) zurückzugreifen.

Mobbing kann also aus dem leicht zu erkennenden ständig wiederkehrenden körperlichen wie verbalen Angriffen auf immer die gleichen Personen bestehen. Vereinzelte Hänseleien sind im Prinzip nicht tragisch, aber wenn sie ausufernd werden und lange anhaltend immer wieder bestimmte Kinder und Jugendliche betreffen, werden sie peinigend und sind schwer auszuhalten. Da Lehrkräfte im Allgemeinen nur ab und zu den Spott wahrnehmen, können sie die große Belastung für die Betroffenen nicht bemerken. Noch schwieriger ist es, von außen Isolation und Nichtachtung zu erkennen, deren Folgen jedoch genauso schlimm wie Angriffe auf die Person sein können.

Die Schülerinnen und Schüler, die Opfer von Mobbing sind, sehen sich als Einzelfall. Das trifft zwar meist auf die eigene Schulklasse zu, aber bundesweit sind jedes Jahr vorsichtigen Schätzungen zufolge etwa 500.000 Opfer (bei ca. 10 Millionen Schülern und Schülerinnen).

 

Warum trifft es gerade mein Kind?

Von der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass Kinder und Jugendliche, die auf dem Weg sind, erwachsen zu werden, sich von den Erwachsenen ein Stück weit abgrenzen. Das ist ein notwendiger Prozess, um selbstständig und mündig zu werden. Das läuft bei jedem anders ab, bei manchen stärker, bei manchen milder – nicht bewusst und oft sehr irrational. Man erlabt es, wenn die eigenen Söhne und Töchter zum Beispiel Vorlieben für Musik entwickeln, die Eltern wie Lehrkräfte entsetzlich finden. Werbetext von „Plant Radio“: „Deine Eltern werden kotzen.“ Die Kleidung scheint darauf ausgerichtet zu sein, Erwachsene zu provozieren. Allergrößte Sorgen machen sich die Eltern, wenn Leistungen in der Schule nicht mehr für so wichtig genommen werden, wenn Alkohol und gar illegale Drogen konsumiert werden. In der Hochphase sind die Jugendlichen risikobereit, wie sonst nie mehr im Leben.

Manche verbergen ihre Exzesse vor den Eltern, die dann eventuell überzeugt sind, ihr Kind sei recht vernünftig – bis sie einen Anruf vom Krankenhaus erhalten, der Sohn sei wegen heftigem Alkoholmissbrauch eingeliefert worden.

Viele Schülerinnen und Schüler machen mit, und nicht immer ganz freiwillig. Denn sie wollen zur Gruppe dazugehören und möchten auf gar keinen Fall ausgeschlossen werden. Denn bei ihrer Art der Abgrenzung von den Eltern, werden sie nun nicht mehr gelobt für ihre geschmackvolle Kleidung, schöne Musik und ihren lässigen Umgang mit den schulischen Leistungsanforderungen. Dafür attestieren die Gleichaltrigen (die „Peergroup“) der Junge oder das Mädchen hätte einen guten Geschmack und sei „cool“.

Doch der Zusammenhalt in der Gruppe ist gefährdet. Unter den Kindern und Jugendlichen gibt es Konkurrenz um Ansehen, um Freunde, es gibt Verrat, Intrigen, Enttäuschungen. Das ist in den Klassen sehr unterschiedlich. In einer kann es sein, dass diejenigen mit den guten Noten geschätzt werden, in einer anderen Klasse gelten diese als feige und lächerlich, als Streber und Weicheier.

Gefestigt wird der Zusammenhalt dadurch, dass es einen gemeinsamen Gegner gibt, zum Beispiel beim Fußballspiel die Parallelklasse. Alle sind gefordert zusammenzuhalten, damit die eigene Mannschaft gewinnt. Doch im Schulalltag sind Fußballturniere selten. Deshalb einigt sich die Gruppe (ohne dass dies bewusst geschähe) auf jemanden, der täglich da ist. Das kann eine Lehrkraft sein, deren Unterrichtsplanung mit recht beliebigen Begründungen sabotiert wird. In den meisten Fällen wird jemand aus der Klasse ausgegrenzt, wird zum Mobbingopfer.

Das liegt nicht an dem Einzelnen, sondern an der Gruppennorm. Wer von ihr abweicht, muss mit Psychoterror rechnen. Bevorzugt trifft es diejenigen, die auf irgendeine Weise abweichen:

Die Opfer sind größer, kleiner, dicker oder dünner als die anderen.
Sie haben schlechtere („dumm“) oder bessere („Streber“) Noten.
Sie tragen teurere Kleidung („arrogante Tussi“) oder billige („Asi“).
Sie sind Fans eines anderen Fußballclubs oder einer anderen Band.
Sie waren vorher schon einmal Mobbingopfer und sind jetzt verspannt

Den Mobbingopfern wird signalisiert:

„Du bist anders. Du gehörst nicht zu uns.“

Die Betroffenen leiden außerordentlich unter der Ausgrenzung. Deshalb:

Typische Verhaltensweisen der Mobbingopfer

Weil die Position der Außenseiter unerträglich ist, reagieren sie im Laufe der Zeit (also nicht sofort!) mit Verhaltensweisen, die zwar – wenn man den Zusammenhang von Ausgrenzung und Reaktion erkennt - keineswegs unverständlich sind, die ihnen aber zusätzlich schaden, da sie hierdurch nicht als Opfer erkannt werden, sondern an ihrer Ausgrenzung selbst schuld zu sein scheinen. Dieser Ansicht sind oft nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrkräfte und Eltern.

Es findet ein Kreisprozess statt:

Dabei nehmen Mitschüler wie Lehrkräfte im Allgemeinen nur die Hälfte des Kreisprozesses wahr: das Verhalten des Außenseiters. Sie erkennen in seinem Verhalten keine Reaktion auf Ausgrenzung, sondern sehen es als die Ursache für seine Ausgrenzung durch die Gruppe an.


Versuche, aus der Rolle des Mobbingopfers herauszukommen:

Kontaktsuche

Wer in der Klasse isoliert ist, sucht die Nähe anderer Schüler, indem er sich in den Pausen zum Beispiel einfach dazustellt. Manche versuchen auch mit Geschenken sich die Freundschaft zu erkaufen. Wenn das alles nicht gelingt und sonst niemand freundliche Worte an ihn richtet, wenden sich manche an die Lehrkräfte, um mit jemandem an einem langen Schultag reden zu können.

Von den Mitschülern kommt dann oft der Vorwurf: „Das ist ein Schleimer. Kein Wunder, das den niemand mag.“

 

Selbstdarstellung 1

Schülerinnen und Schüler, die nicht die gleiche Anerkennung erhalten, wie alle anderen, versuchen sich selbst positiv darzustellen. Sie zeigen Gegenstände vor oder berichten von Erfolgen – wahre oder erfundene -, wie das auch die Angesehenen in der Klasse tun.

Mitschüler und Lehrkräfte scharf kritisieren oder arrogante Überlegenheit vorgeben, das sind ähnliche Muster.

Vorwurf: „Das ist ein Angeber. Kein Wunder, das den niemand mag.“

 

Selbstdarstellung 2

Die Klassenclowns wollen Anerkennung gewinnen, indem sie sich als lustige Entertainer präsentieren. Einige nehmen sich die Stars aus den Comedy-Sendungen im Fernsehen zum Vorbild. Viele von ihnen sind wirklich gut und die Klasse lacht über sie.

Gleichzeitig kommt aber der Vorwurf: „Der ist doof. Kein Wunder, dass den keiner mag.“

 

Rückzug („innere“ oder tatsächliche Flucht aus der Schule)

Manche Opfer verschließen sich innerlich und äußern sich so wenig wie möglich. Sie wollen nicht weiter gehänselt oder beleidigt werden. Andere halten es nicht mehr aus und schwänzen so oft es geht.

Vorwürfe. „Die will nichts mit uns zu tun haben. Die geht keinen Schritt auf einen zu.“ Oder: „Das ist ein Feigling und Drückeberger.“

Selbstschutz (teilweise sehr aggressiv)

Wer häufig Streichen und Erniedrigungen ausgesetzt war, wehrt sich unter Umständen aggressiv. Auch das wird nicht als die Folge von Mobbing gesehen, sondern als Ursache dafür, dass ihn die anderen ablehnen.

 

Zwanghafte Verhaltensweisen

Nicht gerade selten kommt es vor, dass Schülerinnen und Schüler die oben genannten Verhaltensweisen produzieren, obwohl sie in ihrer Klasse (noch) gar nicht gemobbt werden. Meist geschieht dies, wenn sie in einer vorgehenden Gruppe Mobbingopfer waren. Im (sozialen) Stress sind Menschen in ihren Fähigkeiten, genau wahrzunehmen, überlegen zu entscheiden und angemessen zu handeln, sehr eingeschränkt. Sie neigen dann dazu, schon länger eingeübte Verhaltensweisen zu wiederholen, selbst wenn ihnen in ruhigen Minuten klar ist, dass dies ihnen nur Schaden bringt.

Empfindliche Außenseiter

Wenn Kinder selbstständig Erfahrungen machen und kleine Probleme selber zu lösen lernen, das heißt, dass ihnen die Eltern nicht gleich alle Schwierigkeiten abnehmen, dann werden sie dadurch gestärkt.

Kleine Versagungen ertragen können, das führt dazu, dass sie nicht so leicht frustrieren sind: Ihre Frustrationsschwelle wird höher.

Schwere Frustrationen (oberhalb der Frustrationsschwelle), zum Beispiel Mobbing, machen empfindlicher (Die Frustrationsschwelle sinkt.).

Wenn ein Vater oder eine Mutter sich bei der Lehrkraft beschwert, dass von Seiten der Schule nichts gegen die Ausgrenzung ihres Kindes unternommen würde, antwortet eine Lehrkraft unter Umständen: „Ihr Kind ist aber auch sehr empfindlich!“ Das stimmt dann zwar, ist aber nicht hilfreich.

Veränderung der Persönlichkeit

Einer der führenden amerikanischen Sozialpsychologen, Roy Baumeister, wies bereits 2002 in einer Untersuchung nach, dass Menschen unfreundlicher, aggressiver und unzugänglicher werden, wenn sie längere Zeit von ihrer Gruppe ausgegrenzt wurden.

Vorurteil stabilisiert die Außenseiterrolle

Alexander Mitscherlich bezeichnet es als „Filterwirkung des Vorurteils“: Wenn ich etwas wahrnehme, was meinem Vorurteil entspricht, bestärkt es mich, dass ich mit meiner Meinung recht habe. Wenn etwas meinem Vorurteil widerspricht, bin ich überzeugt, dass dies eine Ausnahme sei. Dieser Mechanismus dient der Vereinfachung des alltäglichen Lebens, weil ich mich nicht so häufig aufgrund von widersprüchlichen Erlebnissen mit meinen Ansichten in Frage stellen muss. Für die Mobbingopfer bedeutet es, dass die anderen Fehlverhalten als Beweis für die Unvernunft des Ausgegrenzten nehmen und seine positiven Seiten als seltene Ausnahmen abqualifizieren. Deshalb werden seine Bemühungen, sich zu verändern durch Vorurteile vereitelt.

Mobbing wird durch die Medien gefördert

In der Trivialliteratur und vielen Sendungen im Fernsehen, dort vor allem in Castingshows, wird die Erniedrigung Einzelner zur Unterhaltung der Leser bzw. Zuschauer genutzt. Dadurch wird Mobbing verharmlost.

Wer kennt nicht die Comic-Reihe „Asterix und Obelix“? Die Figur des Troubadix wird in allen Heften verulkt. Weil er den anderen mit seinem Gesang auf die Nerven geht, darf er geknebelt oder verhauen werden. Er hat es verdient. Das Bedürfnis der Leserschaft nach solchem Amüsement wird befriedigt. Das sichert den Absatz der Hefte.

 

Warum gibt es überhaupt Mobbing?

Einen Grund habe ich schon auf Seite 3 genannt: Die Ausgrenzung eines Einzelnen fördert den Zusammenhalt der anderen in der Gruppe. In der Psychologie wird dies die „Integrationsfunktion“ genannt.

Es gibt aber auch noch andere unbewusste Funktionen:

Die „Aggressionsrealisation“: Manchmal sind Kinder und Jugendliche wütend auf Personen, die stärker sind als sie, z. B. die Eltern, die verbieten so spät abends noch einmal auszugehen. Oder die Englischlehrerin, die nach ihrer Meinung eine unverdient schlechte Note gegeben hat. Oder es sind Personen, die einen kränken, mit denen man es sich nicht verderben will, zum Beispiel die gute Freundin, die aber schon wieder keine Zeit für eine gemeinsame Unternehmung hat. Manchmal wissen sie auch gar nicht, was ihre Aggression ausgelöst hat. Aber ihre Wut ist da und sucht nach einem Ventil, einer Möglichkeit, seinen Aggressionen freien Lauf zu lassen, ohne Nachteile befürchten zu müssen. Das kann dann der Außenseiter sein, an dem man sich zusammen mit anderen so richtig abreagieren kann – aber ohne dass die eigene Aggressivität dadurch wirklich beseitigt würde.

Die „Selbstwerterhöhung“: Wenn man mit seinem eigenen Status, mit seinen Fähigkeiten, seinem Besitz, seinen Möglichkeiten unzufrieden ist, tut es gut, jemanden zu haben, auf den man herabschauen kann. Oder jemanden, der besser da zu stehen scheint, gemeinsam mit anderen durch Mobbing herabziehen kann, dem Neid freien Lauf lassen kann.

Diese Funktionen sind den Kindern unbewusst. Würde man ihnen Aggression, das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung oder die Integrationsfunktion auf den Kopf zusagen, würden sie das bestreiten, weil sie es so meist nicht wahrnehmen.

Durchaus bewusst ist ihnen, dass manche Spaß daran haben, jemanden gemein zu behandeln. Auch der Wunsch, in der Gruppe anerkannt zu sein und auf gar keinen Fall ausgeschlossen zu werden, das ist ihnen bewusstseinsnäher. Doch auch die Überzeugung, das Opfer habe es wegen seines abseitigen Verhaltens verdient, ist in den meisten Fällen ehrlich und nicht einfach vorgeschoben.

Folgen für die Mobbingopfer

Die Opfer leiden, aber viele zeigen ihren Schmerz nicht, weil sie sonst noch weitere Kränkungen einstecken müssen. Sie würden sonst als jämmerlich, als überempfindlich oder dumm dargestellt, weil sie sich scheinbar so „blöd“ verhalten: Anbiederei, Lächerlichkeit oder Prahlen wird ihnen vorgeworfen.

Wer längere Zeit ausgegrenzt wird, ist in seiner Leistungsfähigkeit und Lebensfreude eingeschränkt. Er wird empfindlicher und verändert sich in seiner Persönlichkeit (siehe Seite 4 bis 8).

Auch mit Erkrankungen aus dem psychosomatischen Formenkreis muss man rechnen: Kopfschmerzen, Magen-Darm-Störungen, unerklärlichen Schmerzen usw. Sogar rein psychische Erkrankungen sind möglich, vor allem Depression, bis hin zu Selbstmordgedanken.

Vollendeter Suizid und Amoklauf sind seltene Extreme.

Es kann sein, dass Erniedrigungen ein ganzes Leben lang nachwirken. Darauf baut eine frühere Werbung für Canon-Faxgeräte auf:

Folgen für die Mobber

Für viele überraschend: Selbst die Mobber haben langfristig Nachteile von ihrem Verhalten. Kurzzeitig nicht, sonst würden sie es nicht machen. Im Moment fühlen sie sich stark in ihrer Position. Sie können über andere bestimmen und ihre Bedürfnisse durchsetzen, sie genießen ihre Macht.

Wer aber auf Dauer sine Beziehung darauf gründet, dass andere ihn fürchten oder seine Stärke bewundern, darf sich nie schwach zeigen. Denn das würde die Grundlage seiner Wertschätzung beschädigen. Deshalb kann dieser Mensch unter Umständen keine Probleme zugeben, in manch bedeutsamen Situationen keine Hilfe erbitten. Er weiß nicht, ob er dann noch Wertschätzung erfahren würde.

Viel später, wenn er sich als Arbeitnehmer um eine verantwortungsvolle Position bewirbt, kann es sein, dass er aufgrund der Tendenz zu unsozialem Verhalten, das in einem so genannten Assessment-Center ermittelt werden kann, nicht eingestellt wird. Mobber fügen der Wirtschaft jedes Jahr beträchtliche Schäden zu, dadurch dass die Opfer krank werden, häufiger Fehler machen oder kündigen.

Folgen für Mitläufer und Zuschauer

Manche machen beim Mobbing mit, weil auf jeden Fall dazugehören wollen. Oder sie stellen sich nicht schützend vor das Opfer, gewähren ihm keine Anerkennung und verständigen keine Lehrkräfte und Eltern, weil sie fürchten, sie könnten sonst selbst in die Rolle des Außenseiters geraten.

Diese Schülerinnen und Schüler fühlen sich in der Klasse nicht wohl. Ihnen fehlen die positiven Erfahrungen in der Gruppe, die Freude am Lernen erst ermöglicht. Frustrationen, Angst und Stress vermindern den Lernerfolg. Darauf hat schon Frederic Vester in seinem Buch „Denken, Lenen, Vergessen“ (dtv) hingewiesen.

Und viele werden auch als Erwachsene wegen ihrer negativen Erfahrungen in der Schule nicht das wünschenswerte Maß an Engagement und Zivilcourage zeigen können.

Probleme der Eltern von Mobbingopfern

Die Eltern des Mobbing-Opfers sind Opfer in der zweiten Reihe: Sie leiden mit ihrem Kind mit, können aber natürlich nicht selbst in der Klasse handeln.

Deshalb wenden sie sich oft an die Lehrkräfte, damit diese dem Psychoterror der anderen Schülerinnen und Schüler gegen ihren Sohn, ihre Tochter ein Ende bereiten. Häufig müssen sie dann feststellen, dass die Pädagogen nichts zur Verbesserung der Situation unternehmen (oder nichts zu unternehmen scheinen).

Die Eltern halten es nun für angebracht, die anderen Eltern der Klasse anzusprechen, vor allem die, deren Kind ihrem eigenen so zusetzt. Das kann manchmal hilfreich sein, endet meist mit einer enttäuschenden Reaktion: „Mein Sohn/Meine Tochter würde so etwas nie tun!“ Fast alle Eltern sind überzeugt, dass ihr Kind sie nicht anlügt.

Dazu ein Beispiel aus einer 7. Klasse:

Rolf (alle Namen geändert) beschwert sich bei seinen Eltern über die Gemeinheit der Klassensprecherin Steffi und die Ungerechtigkeit des Sportlehrers Bauer.

Bockspringen war angesetzt und alle sollten über das Ding springen. Er aber wollte aber erst nicht. Als er sich dann schließlich doch entschlossen habe, wurde er laut von Steffi beleidigt. Er habe zurückgefaucht und sei daraufhin von Herrn Bauer angebrüllt und rausgeworfen worden.

Seine Eltern sind empört, weil ihr Sohn ständig unter der Klasse zu leiden hat. Die Wortführerin, das wissen sie mittlerweile, ist immer Steffi. Sie rufen deren Eltern an und sprechen auf den Anrufbeantworter. Am Abend antwortet Steffis Vater und sagt, es sei ganz anders gewesen: Seine Tochter habe Rolf nur aufgefordert, endlich zu springen, und er habe sie mit einer ganz unaussprechlichen Wortwahl angeschrien, sodass die einzig richtige Reaktion des Sportlehrer Bauers gewesen sei, ihn aus dem Unterricht auszuschließen. Rolf könne froh sein, dass er keinen Eintrag ins Klassenbuch erhalten habe und auch sonst nicht weiter bestraft worden sei.

Der Klassenlehrer wird eingeschaltet. Er lädt zu einem Gespräch mit der gesamten Elternschaft ein, weil es schon mehrmals von Rolfs Mutter aufgefordert worden war, doch endlich etwas zu unternehmen. Ich solle als Moderator hinzukommen.

Im Vorgespräch mit dem Klassenleiter und mir äußert die Mutter den Verdacht, Steffi sei neidisch wegen Rolfs guter Noten. Das wies der Klassenlehrer zurück, sie sei keineswegs schlechter als er. Es müsse doch einen Grund geben, meinte die Mutter. Vielleicht seien Steffis Eltern neidisch wegen Rolf besserem wirtschaftlich-sozialen Hintergrund seiner Eltern und stachelten deshalb ihre Tochter auf.

Am Elternabend ist nur der Klassenlehrer da (Der Sportlehrer ist verhindert.) und viele Eltern. Aus den Beiträgen der Väter und Mütter, was sie von ihren Kindern in Erfahrung gebracht haben, entsteht das Bild, dass Rolf fast täglich Demütigungen seiner Mitschüler ausgesetzt war. Wie häufig und umfassend die Erniedrigungen waren, die er auszuhalten hatte, war vorher in dieser Zusammenschau niemandem bewusst. Damit begann eine Planung, was die Eltern und was die Lehrkräfte unternehmen könnten, damit sich das Sozialverhalten aller Schülerinnen und Schüler bessert und Rolf ohne Angst zur Schule gehen kann.

Der Sachverhalt in jener Sportstunde kam dabei auch heraus:

Alle waren schon über den Bock gesprungen, manche hatten es allein geschafft, manche waren mit Hilfe von Herrn Bauer darüber gezogen worden. Der etwas ängstliche Rolf ging, kurz bevor die Reihe an ihn kam, erst auf die Toilette, danach band er, zum Sprung aufgefordert, sich umständlich die Turnschuhe. Herr Bauer hatte Geduld, ermutigte ihn mehrfach und versicherte ihm, es könne ihm nichts passieren, er sei ja da. Schließlich rief Steffi genervt: „Jetzt spring, du feige Memme!“ Rolf schrie zurück: „Halt’s Maul, du blöde Fotze!“ Da brüllte Herr Bauer: „Raus! Du ziehst dich sofort um und setzt dich hinten auf die Bank!“

Hintergründe:

Eltern erfahren meist nur einen Teil der Wahrheit. Die Kinder wollen nicht in schlechtem Licht erscheinen und kaschieren gern das, was ihrer Wertschätzung schaden könnte. (Das Vorbild für ein solches Verhalten liefern ihnen täglich die Erwachsenen, wenn auch in anderen Zusammenhängen.) Das müssen die Eltern einkalkulieren, bevor sie Lehrkräfte und andere Eltern attackieren.

Die Kinder und Jugendlichen benötigen die Anerkennung der Gleichaltrigen, ausgegrenzt zu werden, das wäre für sie eine Katastrophe. Wenn nun einer in der Klasse in der Außenseiterrolle ist, entlastet es die anderen. Gerade die Jungen wollen cool und mutig erscheinen. Deshalb hilft es ihnen, wenn ihre „Männlichkeitsdefizite“ dadurch kompensiert werden, dass ein anderer als ängstlich, hilflos oder unbeherrscht erscheint. Sie versichern sich gegenseitig, ohne es je zu formulieren: „S o würde ich nie denken, fühlen, handeln. Ich bin besser und erwachsener.“

Die derben Ausdrücke an sich sind für die heutigen Kinder und Jugendlichen in den meisten Fällen nichts Beunruhigendes. Nur wenn Erwachsenen dabei sind, sollten sie ihrer Ansicht nach nicht fallen.

Lehrkräfte handeln oft spontan und sehr emotional, wenn Schülerinnen und Schüler solche Wörter in der Klasse benutzen. Das kann daran liegen, dass dies in ihrer Jugend ein Tabu war und jetzt noch immer ist. Auf Tabuverletzungen reagieren die meisten empfindlich.

Es kann aber auch sein, dass die Lehrerinnen und Lehrer ihre Autorität gefährdet sehen, denn dann, wenn sie auf diese Ausdrücke nicht sofort mit Schärfe missbilligend reagieren, gelten sie als schwach und ohne Ansehen.

Eltern, deren Kind Mobbingopfer ist

In den meisten Fällen erfahren Mutter und Vater von ihrem eigenen Kind, wenn es in der Schule ausgegrenzt wird. Bisweilen aber nicht, und wenn sie es vermuten, hören sie nur von ihrem Sohn, ihrer Tochter: „Nein, alles in Ordnung.“

Es gibt Hinweise, denen man nachgehen sollte:

  • wenn das Kind plötzlich nicht mehr in die Schule und zum Beispiel sich häufig krank fühlt (oder vorgibt, krank zu sein),
  • wenn öfter Sachen (Kleidungsstücke, Füller usw.) fehlen oder beschädigt sind.
  • wenn die Schulleistungen drastisch schlechter werden,
  • wenn die bisherigen Freunde nicht mehr kommen.

Dann - aber wirklich nur dann, wenn das Kind nichts erzählt – sollte man Lehrkräfte oder befreundete Eltern fragen.

Warum berichtet das Kind nicht von seinem Leiden an der Klasse?

Meist fürchtet das Mobbingopfer, dass dann die Mitschüler von seinem Bericht an die Eltern erfahren und dass die Folge wäre, es würde noch schlimmer behandelt und als Petzer oder Lügner abgestempelt. Es hat Angst, Mutter oder Vater könnten gleich in die Schule gehen und die Lehrkräfte ansprechen oder andere Eltern anrufen. Manche rechnen damit, dass sie zu Dingen gezwungen würden, die sie nicht wollen oder können: „Melde es sofort deinem Lehrer.“ „Lass’ dir nicht gefallen, hau diesen Typen einfach auf die Nase.“

Vor allem aber wollen sie verhindern, dass die eigenen Eltern erfahren, wie sie ungeschickt reagiert haben. Zum Beispiel mit Prahlen, Anbiedern, den Klassenkasper geben oder Ähnliches (siehe Seite 5f.)

Manchmal wollen Kinder auch ihre ohnehin bis zum Rand belasteten Eltern auch einfach nur von zusätzlichen Problemen freihalten.

Wie beginne ich ein Gespräch mit meinem Kind?

  • Auf jeden Fall nicht mit Enttäuschung, Wut und Verärgerung.
  • Ganz schlecht ist das Ausfragen. Das ist sehr unangenehm für das Kind, dem es schlecht geht. Und mit Fragen erfährt man auch nur das, worauf die Frage abzielt. Andere wichtige Aspekte, auf die man nicht kommt, wird ein Kind, das sich im Verhör sieht, von sich aus nicht erwähnen.
  • Vertrauen nicht fordern, sondern langsam Vertrauen zu gewinnen suchen.
  • Das geht an besten, wenn man zu Beginn des Gespräches zusagt, dass nichts ohne Absprache mit dem Kind geschieht, sodass die Angst vor kopflosen Reaktionen von Mutter oder Vater genommen ist.
    Eltern müssen ihr Verständnis dafür zeigen, dass ein bedrängtes Opfer auch unüberlegt und falsch reagieren kann. Dann kann ihr Kind auch solche Verhaltenweisen berichten, für die es sich eigentlich schämt. Jedoch ist Geduld angesagt, nicht gleich beim ersten Gespräch wird das Peinlichste erzählt werden können.
  • Das Kind soll spüren, dass es zu Haus geborgen ist und alles schildern kann, auch seine Wut und Verzweiflung, ohne deswegen die Zuneigung der Eltern zu verlieren.
  • Die im ersten Teil dieses Textes geschilderten Grundlagen, warum es Mobbing gibt, weshalb die Betroffenen auf diese Weise handeln, dass ihnen Selbstverschulden unterstellt wird, ohne dass es zutrifft, und dass jährlich Hunderttausende an deutschen Schulen von Mobbing betroffen sind, das bedeutet schon eine erste Entlastung für das eigene Kind.
  • Nach einiger Zeit wird man sein Kind überzeugen können, dass die Schule mit einbezogen werden muss. Der Sohn oder die Tochter kann auswählen, an welche Lehrkraft man sich wenden wird. Voraussetzung ist auch, dass diese Lehrkraft die Informationen nicht unbedacht weitergibt, sondern der Opferschutz im Vordergrund steht.

Die Eltern des Mobbingopfers und die anderen Eltern

Manchmal können sich die Eltern des Mobbingopfers problemlos mit anderen Eltern unterhalten und deren Unterstützung gewinnen. Leider geht das auch häufig schief. Wenn die Eltern der Mobbingtäter sich und ihr Kind angegriffen sehen, geraten sie in eine verbissene Verteidigungshaltung.

Zur Veranschaulichung: Der angerufene Vater sagt am Telefon: „Ich habe meinen Sohn gefragt. Er hat gesagt, es gäbe gar kein Mobbing in der Klasse. Und er verhalte sich schon gar nicht unsozial. Das ist nicht seine Art. Nur sei Ihre Tochter eine empfindliche Prinzessin, die gleich losheult und zum Lehrer rennt, wenn ihr mal die Wahrheit über ihr unmögliches Verhalten gesagt wird. Fragen Sie doch mal die anderen Eltern! Das werden Sie überall das gleiche hören!“

Das geschieht nicht aus Bösartigkeit, die Eltern können oft nicht glauben, dass sich ihr Kind unter dem Druck der Klasse so anders verhält, zum Beispiel gar nicht einfühlsam, sondern durchsetzungsfähig oder anpassungsbereit an die Meinung der Mehrheit.

Wenn man möchte, dass andere Eltern die Lage ihres gedemütigten Kindes verstehen, darf man nicht anschuldigen. Man muss damit rechnen, dass die anderen nicht wissen, was genau in der Klasse läuft und dass deren Kinder teils aus Unwissen teils aus Angst vor der Mehrheit sich am Mobbing beteiligen. Wenn das Verständnis für die Hintergründe des Mobbings möglich ist und die eigenen Kinder nicht verdammt werden, dann werden auch die anderen Eltern zur Unterstützung des Mobbingopfers bereit sein.

Eltern, deren Kinder nicht dem Mobbing ausgesetzt sind, können helfen

Diese Eltern sollten die Eltern des Mobbingopfers informieren, was da in der Klasse passiert, ebenso vertrauenswürdige Lehrkräfte. Ihre eigenen Töchter und Söhne sollen sie für die Ungerechtigkeiten und die Folgen des Mobbings sensibilisieren und zur Hilfe für ausgegrenzte Schüler motivieren.

Wie können sie das erreichen? Sicher nicht durch einfaches Anordnen oder der Drohung mit Strafe. Argumentieren auf der Verstandesebene ist nur ein erster Schritt, es kommt vielmehr darauf an, dass ihre Kinder sich in das Opfer einfühlen können, mitfühlen und sich mit ihm identifizieren; das bedeutet: „Einbeziehung der emotionalen Ebene“.

Am einfachsten geht das mithilfe von geeigneter Jugendliteratur. Ich will es am Beispiel eines Auszugs aus Annika Thors Buch „Ich hätte Nein sagen können (erschienen bei Beltz-Gulliver, für 9- bis 13-Jährige). Es hat keinen Zweck, solche Bücher die Kinder allein lesen zu lassen. Dann bleiben Einfühlung und Mitgefühl auf der Strecke, und das Ende des Buchs hilft auch nicht bei den Konflikten des Schulalltags weiter. Ich nehme mir nur die ersten fünf Seiten vor (muss allerdings das Buch schon gelesen haben, um meinem Kind weitere Informationen zu den einzelnen Personen des Romans geben zu können).

Die 12-jährige Ich-Erzählerin Nora hat ihre liebste Freundin Sabina acht Wochen nicht gesehen. Denn nach sechs Wochen Sommerferien musste sie wegen Windpocken noch weitere 14 Tage zu Hause bleiben. Jetzt wartet Nora vor dem Schulgebäude auf sie. Als erstes kommt aber Karin, das Mädchen, das keiner in der Klasse mag. Sie ist ziemlich schüchtern und verklemmt. Nun sucht sie das Gespräch mit Nora und fragt sie, ob sie krank gewesen sei. Nora ist sehr genervt und beschließt, sie hereinzulegen. Sie bietet ihr einen Bonbon aus der Tüte an und zieht sie immer weg, wenn Karin zugreift. „Nimm’s doch!“, sagt sie dazu. Karin ist traurig darüber. Dann kommt endlich Sabina. Sie hat ihren Walkman so laut gestellt, dass sie Nora nicht rufen hört und sie sieht sie auch nicht. Sie geht schnurstracks auf Fanny, die bösartige und eingebildete Klassen-schönheit zu und küsst sie auf die Wangen. Nora ist entsetzt. (Siehe Fotos auf Seite …)

Diese kurze Szene reicht, um mit dem eigenen Kind darüber sprechen zu können.

Erörtern Sie mit Ihrem Kind:

  • Ist das wirklich lustig?
  • Warum macht Nora das?
  • Wie geht es Karin dabei?
  • Passiert ihr so etwas des Öfteren in der Klasse?
  • Könnte das jedem widerfahren?
  • Kennst du Ähnliches aus der Schule?
  • Wie könnte man Karin helfen?

Im Roman erfährt man (anders als in der Alltagsbegegnung), was die Einzelnen denken und fühlen und welches ihre familiären Hintergründe sind. Außerdem sind es keine Personen der eigenen Schulklasse, weil man ihnen gegenüber vorbelastet ist, weil man beispielsweise Angst hat oder ein schlechtes Gewissen.

Es kommt darauf an, an einigen Stellen der Erzählung in die Tiefe zu gehen, um zu erkennen, wie Ausgegrenzte leiden oder weshalb sie sich so unglücklich verhalten. Identifikation mit der Person ist möglich, wenn einem bewusst wird, dass man unter unglücklichen Umständen in die gleiche Lage wie Karin kommen könnte. Dass Nora enttäuscht feststellen muss, das Sabina jetzt wohl eine andere beste Freundin hat, empfinden die meisten Leserinnen und Leser als gerecht, weil sie so gemein zu Karin war.

Eltern von Mobbingopfern und Lehrkräfte

Manchmal sind die Eltern entsetzt, dass die Lehrkräfte vom Mobbing gegen ihr Kind gar nichts bemerkt haben. Aber gerade in den Schulformen nach der Grundschule sind die Lehrkräfte nur wenige Stunden pro Woche in der Klasse und der Wechsel in 45-Minuten-Rhytmus sowie die Stoffesfülle der zu vermittelnden Inhalte schränken die Möglichkeiten der Wahrnehmung von Ausgrenzung sehr ein.

Meist findet der Mobbingprozess nur dann offen statt, wenn keine Erwachsenen dabei sind: auf dem Schulweg, in den Pausen und Freistunden, im Umkleideraum und im Schulbus. Die Situation in der Klasse ist oft schwer einzuschätzen. Manche Lehrkräfte meinen denn auch, der Außenseiter trage die Hauptschuld: „Ich habe den Eindruck, Ihr Sohn will sich gar nicht integrieren“, bekommen dann die Eltern zu hören.

 

Eltern finden leichter Verständnis für ihr Anliegen, wenn sie den Lehrkräfte nicht Vorhaltungen machen, sondern eine schriftliche Dokumentation der Vorfälle der letzten Tage vorlegen, mit Nennung von Ort, Uhrzeit und allen Beteiligten. Hilfreich wäre, wenn man noch weitere Eltern finden würde, die das Mobbing bestätigen.

Immer wieder hört man die Überzeugung, es sei gar nicht so böse gemeint. Mit der Zeit werde sich das von selbst geben. Das könnten die Kinder schon allein regeln. Das stimmt bei den kleineren alltäglichen Konflikten. Beim Mobbing ist das aber sehr selten und die Opfer leiden enorm, sie tragen unter Umständen schwere Schäden davon.

Was können Lehrkräfte bei Mobbing unternehmen?

Im Studium und im Referendariat hören Lehrkräfte nur selten etwas von Mobbing. Deshalb reagieren die meisten von ihnen an der Schule recht hilflos, wenn sie damit konfrontiert werden. Viele sprechen es offen in der Klasse an, weil sie das für ehrlich und fair halten. Doch leider bleibt der erwünschte Effekt meist aus. Die Mehrzahl der Schülerinnen behauptet, alles sei doch nur Spaß gewesen. Oder sie berichten ausführlich von unverständlichen Handlungen, wie Prahlen, Clownereien, Aggressionen, Flucht, Lügen, Intrigen oder Anbiederei des Mobbingopfers, worauf sie nur angemessen reagiert hätten. Von eigenem Fehlverhalten wollen sie nichts wissen. Wenn das von vielen massiv vertreten wird, stehen die wohlmeinenden Lehrkräfte hilflos da und empfehlen dem Opfer, sich zu bessern.

Recht bekannt an den Schulen ist der No-Blame-Approach-Ansatz. Geschulte Lehrkräfte, Psychologen oder Mitglieder der Schulsozialarbeit haben eine entsprechende Ausbildung. Im Wesentlichen geht es bei diesem Konzept darum, mit Hilfe des Opfers eine Gruppe von Schülerinnen und Schüler zusammenzustellen, deren Aufgabe darin besteht, dafür zu sorgen, dass es dem Außenseiter besser geht. In die Gruppe können auch ehemalige Mobber aufgenommen werden, denn es gilt der Grundsatz, dass niemandem Schuld („no blame“) vorgehalten wird. Nach einer Einweisung plant die Gruppe eigenständig, was sie tun könnten (zum Beispiel, das Opfer in Schutz nehmen, beim Lernen helfen, Angreifer abwehren). Das ist erprobt und geht in vielen Fällen gut aus. Manchmal gelingt es aber nicht, Unterstützer zu finden, weil die Mobbinglage schon so verfestigt ist, dass sich keiner auf die Seite des Ausgegrenzten stellen mag. Auch wird berichtet, dass nach dieser Aktion ein anderes Kind in die Außenseiterposition gedrängt wird.

In der Literatur werden häufig Verfahren empfohlen, die darauf abzielen, den oder die Mobbingopfer zur Rechenschaft zu ziehen oder zu bestrafen. Das ist in manchen Fällen sinnvoll und hilfreich. Häufig aber nicht, weil zum Beispiel die meisten in der Klasse der Ansicht sind, das vorgebliche Opfer sei selber schuld und die Strafen der Lehrkräfte ungerecht. Auch werden die „Zuschauer“ des Mobbings, die zwar nicht mitgemacht haben, aber das Opfer nicht unterstützt und auch keine Lehrkräfte, die Hilfe leisten könnten, informiert haben, dabei nicht zur Rechenschaft gezogen, obwohl sie das Mobbing erst ermöglicht haben.

Außerdem kann man mit Strafen kein Verständnis oder Mitgefühl erreichen.

Ein besserer Ansatz ist es, einen Prozess sozialen Lernens in Gang zu setzen, weil auch die ganze Klasse auf die eine oder andere Art am Mobbing beteiligt ist.

Damit die Eltern wissen, wie das Konzept für die Arbeit im Unterricht (vor allem im Deutschunterricht, aber auch in Religion, Ethik, Sozialkunde und unter Umständen in anderen Fächern) aussieht, will ich es hier im Überblick skizzieren. Es ist zweistufig zur Mobbing-Prävention, dreistufig für die aktuelle Intervention.

Stufe 1: verfremdeter Einstieg über Literatur

Stufe 2: Erkenntnisse mit eigenen Erfahrungen verknüpfen

Stufe 3: Übertragung auf die Schulklasse

1.Verfremdeter Einstieg

(orientiert an Ingo Schellers Konzept „Szenisches Spiel“

Um die Widerstände in der Klasse zu umgehen, wird eine „fremde“ Gruppe von Kindern und Jugendlichen aus der Literatur vorgestellt. Als Beispiel will ich das schon auf Seite … erwähnte Buch „Ich hätte Nein sagen können“ nehmen. Da niemand in der Klasse sich angriffen fühlen kann, ist es viel leichter allgemein am Thema „Ausgrenzung“ zu arbeiten. Wir sagen den Schülerinnen und Schülern, wir behandeln Literatur einmal ganz anders, ohne Interpretationen oder Charakteristiken zu beschreiben. Wir stellen eine Szene aus dem Buch nach und machen einen Fotoroman daraus. Dazu müssen wir den Text lesen und Rollenkarten für die einzelnen Personen schreiben.

Das erste Bild des Fotoromans: Nora wartet auf ihre liebste Freundin Sabina. Dabei wird daran gearbeitet, wie Nora dasitzen könnte, was sie tut, wie ihr Gesichtsausdruck ist und was sie wohl fühlt. Das ist wichtig für einen Fotoroman, aber auch wichtig, um darüber zu diskutieren, was jemand fühlt.
Dann kommt Karin, die niemand in der Klasse leiden kann. Sie fragt Nora, ob sie krank gewesen sei. Dass Karin ziemlich verklemmt dazustehen hat und Nora genervt an die Decke schaut, wurde von den Kindern erarbeitet. Es steht nicht im Originaltext, die Schüler bringen ihre Einstellungen und Überzeugungen im Schutz der Rolle zum Ausdruck, ohne sich selbst zu offenbaren. Darüber entsteht wieder eine Diskussion, was richtig sei. Das wird noch verstärkt, wenn die Darsteller gefragt werden, was sie denken. Zum Beispiel Karin: „Hoffentlich ist sie freundlich zu mir.“ Ein anderer meint: „Sie denkt: Bestimmt ist die auch gemein zu mir.“ In dem Gespräch werden viele Möglichkeiten erörtert, was Kinder in dieser Situation denken und fühlen könnten.

Bei Nora könnte das zum Beispiel sein: „Hoffentlich haut die gleich ab.“ Oder: „Der zeig ich es jetzt mal so richtig.“ Oder: „Wenn mich bloß niemand mit der sieht.“ Dabei lernen die Schüler und Schülerinnen, sich in andere hineinzuversetzen, sich einzufühlen und mit ihnen mitzufühlen. Sie erkennen, dass es nicht nur eine Möglichkeit gibt, was jemand fühlt, sondern viele verschiedene. Sie können die Folgen der Ausgrenzung erspüren und dabei mit Hilfe der Lehrkraft lernen, welches die psychologischen Hintergründe des Mobbing sind. Und vor allem, sie lernen das im Austausch mit den Gleichaltrigen, die jetzt in Bezug auf Werte und Sozialverhalten einen größeren Einfluss haben als im Kleinkindalter, als sie sich hauptsächlich an ihren Eltern orientiert hatten.

Genauso wird mit den anderen Fotos verfahren:

Nora bietet Karin ein Bonbon an und zieht es immer zurück, wenn sie zugreift.

Schließlich lässt sie es zu Boden fallen und sagt:

„Nimm’s doch!“

Endlich kommt Sabina. Doch sie hört Nora wegen der lauten Musik im Kopfhörer nicht und sie sieht sie auch nicht.

Entsetzt sie Nora, wie Sabina auf die eingebildete Fanny zugeht. Das scheint jetzt ihre beste Freundin zu sein.

Anschließend lässt die Lehrkraft als Hausaufgabe alle in der Rolle von Nora einen Brief schreiben, der an den von der Familie getrennt lebenden Vater gerichtet ist. Er beginnt:

Lieber Papa,

ich will Dir schreiben, was heute in der Schule passiert ist. ………………………………..

Dadurch erhalten die Lehrkräfte eine Rückmeldung, wie die Schülerinnen und Schüler jetzt zu den Personen stehen und ob sie gelernt haben, sich in Einzelne hineinzuversetzen.

Die Fotos werden dann auf Plakate geklebt und erläuternde Texte darunter geschrieben. Die Plakate werden an die Wand gehängt, noch einmal besprochen und eventuell anderen Klassen vorgestellt.

Im Deutschunterricht können dabei zum Beispiel Ziele aus den Bereichen „Umgang mit Literatur“, „Reflexion über Sprache“ und „mündliche und schriftliche Kommunikation“ erreicht werden.

Was können Kinder und Jugendliche gegen Mobbing unternehmen?

  • Positives Vorbild sein:
  • Zivilcourage zeigen (aktiv)
  • Positives Vorbild sein:
    nicht mitmachen (passiv)
  • Andere aus der Klasse für die Unterstützung des Opfers gewinnen
  • Mit dem Opfer allein reden („Du bist okay!“)
  • Starke Verbündete suchen (Lehrkräfte, Eltern)